HECEAS

Heidelberger Centrum für Euro-Asiatische Studien e.V.

an der Universität Heidelberg

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Publikationen von HECEAS

HIV/Aids im islamischen Nahen und Mittleren Osten

Christian Meier

Seit Anfang der 1980er Jahre hat sich HIV/Aids zur maßgeblichen medizinischen Herausforderung auf der Welt entwickelt. Ungefähr 40 Millionen Menschen sind heute mit dem HI-Virus infiziert, knapp drei Millionen starben 2005 an Aids. Während es in der westlichen Welt mittlerweile in der Regel gelingt, den Ausbruch von Aids durch eine anspruchsvolle Medikation in Schach zu halten, sind viele Entwicklungsländer immer noch sehr stark von der Pandemie betroffen.

Der islamische Nahe und Mittlere Osten galt lange Zeit als von HIV/Aids verschonte Region. Dieses Bild ist von den internationalen Organisationen wie UNAIDS oder der Weltgesundheitsorganisation mittlerweile revidiert worden: Auch den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens droht eine "generalisierte Epidemie", die über bestimmte Gruppen hinaus in die allgemeine Bevölkerung vordringt. Viele Regierungen, namentlich im Iran sowie in Nordafrika, haben dies erkannt und unterstützen die Bekämpfung von HIV/Aids mehr oder weniger entschlossen.

Allerdings erschweren gesellschaftliche Faktoren die Bemühungen der Hilfsorganisationen. In den meisten muslimischen Gesellschaften gilt HIV/Aids als Tabu. Betroffenen drohen Ausgrenzung, Benachteiligungen und bisweilen sogar Strafen, so dass viele ihre Infektion verschweigen. Dies macht es bis heute schwer, an verlässliche Daten zur Verbreitung von HIV/Aids zu gelangen. Die Arbeit mit Prostituierten und Drogenabhängigen gestaltet sich ebenfalls sehr schwierig.

Manche Medien und religiösen Autoritäten bringen HIV/Aids mit Homosexualität und Drogenkonsum in Verbindung, bisweilen wird die Erkrankung auch als "Strafe Gottes" bezeichnet. Immer wieder wird im religiös-gesellschaftlichen Diskurs über HIV/Aids darüber hinaus eine Verbindung zu "westlichen Werten" hergestellt. Diese, so heißt es, würden die "islamischen Werte" im Bereich von Familie und Sexualität bedrohen. HIV/Aids dient in diesem Sinne auch der Selbstvergewisserung: Die Epidemie beweise, dass die islamischen Normen den westlichen doch überlegen seien.

Diese Faktoren beeinflussen auch die Politik: Einzelnen Fortschritten zum Trotz ist sie in den meisten Ländern der Region bislang eine konsequente Antwort auf die Epidemie schuldig geblieben. Soll eine Entwicklung wie in anderen Weltgegenden vermieden werden, ist eine umfassende Strategie jedoch unumgänglich: Dazu gehört vor allem, die Realität – insbesondere im Bereich von Jugendkultur und Sexualität – ohne ideologische Scheuklappen in den Blick zu nehmen.

Nach einem Abschnitt zu medizinischen Hintergründen, Ursprung und Verbreitung von HIV/Aids soll vor allem die gegenwärtige Situation in den islamischen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens dargestellt werden. Der Fokus reicht dabei von Nordafrika über den Nahen Osten bis zum Iran.

Das Hauptaugenmerk liegt auf einer Analyse der Situation in den einzelnen Ländern/Regionen. Neben Zahlen und Fakten sollen dabei vor allem die gesellschaftlich-religiösen Hintergründe und Diskurse sowie die politischen Antworten auf HIV/Aids untersucht werden. Der Schluss stellt die Frage nach Möglichkeiten und Bedingungen eines offeneren Umgangs mit HIV/Aids in der Region und bemüht sich um eine Gesamtperspektive.